Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2615
Bad Wimpfen (Landkreis Heilbronn)

Das Konventshaus des Heilig-Geist-Spitals (Langgasse 2)

Das barocke Gebäude mit Halb-Krüppelwalmdach und Schauseite zur Langgasse hin, das im Türsturz fälschlicherweise auf 1765 (nachträgliche Verfälschung der ursprünglichen und noch erkennbaren Jahreszahl 1775) datiert ist und eine üppig mit Rocaille-Ornamenten verzierte originale, unlängst von einem Bürger restaurierte Holztür besitzt, ist das ehemalige Konventshaus des Hospitals zum Heiligen Geist. Der zugehörige Orden nannte sich Hospitalorden zum Heiligen Geist, die Ordensbrüder Hospitaliter oder Chorherren vom Heiligen Geist bzw. Brüder vom Orden des Heiligen Geistes, oder auch Kreuzherren. Der Orden wurde in Montpellier als Institution zur Kranken- und Armenfürsorge gegründet und erhielt 1198 die päpstliche Anerkennung. Im Gegensatz zu vielen anderen im Mittelalter entstandenen Heilig-Geist-Spitälern befand sich dieses Haus tatsächlich in der Trägerschaft des Ordens, aber nicht von Anfang an. Im Jahre 1233 wurde das Spital als Neugründung erwähnt, stand aber zunächst noch unter der Leitung der Johanniter. Erst 1250 steht es unter der Leitung der Hospitaliter. Das Spital wurde durch die Schenkungen des staufischen Ministerialen und königlichen Schultheißen Wilhelm von Wimpfen wohlhabend. Zu den ertragreichen Besitzungen gehörte der Hipfelhof bei Frankenbach.

In der Mitte des 14. Jh. kam es zu einer wirtschaftlichen Schieflage des Spitals, verursacht durch Mißwirtschaft der eigentlich wirtschaftlich gut ausgestatteten Ordensniederlassung. Der Generalpräzeptor reformierte die Niederlassung und bereitete die Trennung in ein geistliches und ein weltliches Spital vor, die dann 1471 durch den Spitalmeister Johann Fischbach und die Konventsbrüder einerseits und den Bürgermeister und den Wimpfener Rat andererseits vertraglich vollzogen wurde, nachdem der weltliche Teil immer mehr unter den Einfluß des Rates der Stadt gekommen war. Die Versorgung der Kranken, Armen und Alten erfolgte nun durch die Stadt Wimpfen, welche die bis dahin bestehenden Gebäude als Bürgerspital übernahm (Westteil des Ensembles westlich der schmalen Trenngasse, mit den malerischen Fachwerkhäusern). Dazu verblieben dem Spitalmeister und dem Konvent alle Abgaben und Rechte in den Dörfern Weibstadt, Bischofsheim und Flinsbach, der halbe Wein- und Fruchtzehnt und das Silbergeschirr sowie der Hausrat außer dem, was in der Krankenstation war. Der städtische Spitalpfleger und der Rat von Wimpfen bekamen alles andere. Es fand aber keine Realteilung des Grundbesitzes statt, es war vielmehr eine geteilte Administration eines ungeteilten Besitzes, was vertraglich 1498 und 1556 noch einmal bekräftigt wurde.

Der geistliche Teil des Spitals, der die Johanneskirche und das Konventshaus östlich der trennenden schmalen Gasse übernahm, hatte einen Konvent oder ein Kapitel, bestehend aus ca. 8-12 Mönchen, die nach der Regel des Augustinus in Klausur, Armut und Keuschheit lebten. Sie unterstanden dem Spitalmeister (magister domus), der wiederum unterstand dem Generalvikar bzw. Provinzialmeister, und das Oberhaupt des Ordens war der  Generalpräzeptor bzw. Großmeister (generalis magister) in Rom, wo das Ospedale Santo Spirito in Sassia die Funktion eines Haupthauses des Ordens hatte. Die Niederlassung in Wimpfen wurde dem Kloster in Stephansfeld im Elsaß unterstellt.

In Wimpfen sind im 16. Jh. z. B. die Spitalmeister Johann Henn, Johann Langendorf und Heinrich Großkopf bekannt. Der Provinzialmeister war bis zur Reformation der Meister des Hauses Steffelt (Stephansfeld, Département Bas-Rhin); ihm unterstanden die Häuser in Gröningen, Wimpfen (1250), Rouffach (Département Haut-Rhin), Pforzheim, Bern und Neumarkt. In der Mitte des 16. Jh., als nach der Reformation die Klöster wiederhergestellt wurden, war der Meister des Hospitals zu Wimpfen zeitweise Generalvikar des Ordens. Danach wurde die alte Ordensstruktur wieder aufgebaut, mit dem Provinzialat in Stephansfeld, heute zu Brumath im Elsaß gehörend. 1675 wurde die Niederlassung in Wimpfen dem Oberhospital Memmingen inkorporiert. Dessen Spitalmeister wiederum war zeitweise Generalvikar der gesamten Ordensprovinz. Diese Konstellation haben wir hier hinsichtlich des Wappens. Als das Konventshaus in Wimpfen nach einem Brand des Vorgängerbaus ab 1773 neu erbaut wurde (Baujahr belegt durch einen Vertrag zwischen Spitalmeister und Bürgermeister und Rat), war der Provinzialmeister der oberdeutschen Ordensprovinz (alemannia superior) noch François-Antoine Vogel (amtierte 1748-1774). Vollendet wurde der Bau aber erst 1775. Der Memminger Spitalmeister, dem Wimpfen als inkorporierte Niederlassung zu der Zeit unterstellt war, war Sigismund Hochwanger (amtierte 1750-1781), Propst der Hospitaliter zu Memmingen und Wimpfen, außerdem amtierender Visitator und Generalvikar des Hospitalorden zum Heiligen Geist für Deutschland und das Elsaß. In dieser Zeit war der Orden schon weit vom ursprünglichen Ideal entfernt und diente mehr der Versorgung seiner Mitglieder mit Pfründen, nachdem man die Krankenfürsorge komplett an die Stadt abgegeben hatte. Der Neubau des Konventshauses wurde ein dreigeschossiges, verputztes Massivgebäude, das zur Langgasse hin eine Hausteingliederung aufweist, die aus Eckpilastern mit ionischen Kapitellen, zwei profilierten und vermauerten Torgewänden sowie geohrten Fenstergewänden und einem Türgewände in der Mitte des Erdgeschosses besteht. Zum Giebel hin wird die Fassade der fünfachsigen Stirnseite durch ein profiliertes Steingesims kraftvoll abgesetzt.

 

Zum Rokoko-Prälatenwappen über dem Eingang: Es gehört zu Sigismund Hochwanger (1711-1781), Propst des Oberhospitals in Memmingen, zu dem auch die Niederlassung in Wimpfen gehörte. Außerdem war er Visitator und Generalvikar des Ordens für die ganze Ordensprovinz, die Deutschland und das Elsaß umfaßte. Wegen seiner herausgehobenen Stellung im Orden führt er Inful und Krummstab. Das Symbol des Ordens war das Patriarchenkreuz, also ein Kreuz mit zwei Querbalken, wobei der obere kürzer und der untere länger war, alle Ende zweispitzig. Dieses Kreuz, das auch spanisches Kreuz genannt wird, war das an der linken Brust aufgenähte Zeichen der schwarzen Ordenstracht (Habit) und bildet auch das Ordenswappen, silbern auf schwarzem, seltener blauem Feld. Hier ist es in Feld 1 des Wappens über dem Portal zu sehen, außerdem ist es in den Schlußstein des Portals eingemeißelt (s. o.). Dieses Kreuz wird manchmal durch die herabstürzende Taube des Heiligen Geistes ergänzt. Hier über dem Portal sehen wir statt dessen auf dem aufgelegten Herzschild einen auffliegenden Vogel, wobei unklar ist, ob dadurch die Taube symbolisiert werden soll, die auf den Namen des Ordens hinweist, oder ob es sich um persönliche Symbolik des Propstes handelt. Feld 2 zeigt drei Hifthörner mit Band übereinander, Feld 3 zwei Büffelhörner mit Hirnschale, dazwischen schwer zu definierende Objekte, vermutlich die an den Hörnern befestigten Bänder in der Mitte überkreuzt, Feld 4 ein sechsspeichiges Wagenrad über einem Felsengebirge mit drei Gipfeln.

Ein Vergleichswappen ist auf einem Portrait des Prälaten in der Österreichischen Nationalbibliothek zu sehen, mit Schraffuren. Danach läßt sich die Blasonierung wie folgt ergänzen: Geviert mit Herzschild, Feld 1: in Schwarz ein silbernes Patriarchenkreuz, alle Enden doppelspitzig, Feld 2: in Rot drei silberne Hifthörner mit Band übereinander, Feld 3: in Rot ein Paar silberner Büffelhörner mit Hirnschale und sich in der Mitte überkreuzenden Bändern, Feld 4: in Blau ein silbernes Wagenrad über einem silbernen dreigipfeligen Felsengebirge, Herzschild: in Rot auf einem Grund ein auffliegender Vogel (was gegen die Interpretation als Taube des Heiligen Geistes spricht). Hinter der Schildkartusche ragt schräglinks ein Krummstab heraus, rechts trägt ein Puttenkopf eine Inful, in der Mitte trägt ein weiterer, gekrönter Puttenkopf das silberne Ordenskreuz auf dem Kopf. Der Prälat wird auf dem Portrait betitelt als "SIGISMUNDUS Ord(inis). S(ancti). Spirit(i). de Roma in Sassia ad SS(anctisssimos). Ap(ostolos). Petr(um). et Paul(um). Memmingae PRAEPOSITUS Hospital(orum). Memming(ae). et Wimpin(ae). MAGISTER PERPETUUS, ac eiusd(em). S(ancti). Ord(rdinis). per Alsatia et Germaniam VISITATOR et VICARIUS GENERALIS". Als Chef in Memmingen und in der ganzen Ordensprovinz gab Sigismund Hochwanger hier nur seinen Namen und sein Wappen. Vor Ort kümmerte sich um den Neubau Pater Andreas Stücklin, der Schaffner des Hospitals. Sein Name mit einem Chronogramm, das die Jahreszahl 1774 ergibt, ist über einer anderen Rokokotür in der Hauptstraße angebracht, also auf der anderen, nördlichen Seite des Gebäudekomplexes.

Nach der Säkularisation erhoben viele Herren Ansprüche auf die geistliche Spitalniederlassung und ihre Wirtschaftsgüter: die Stadt Wimpfen, Hessen, Bayern und Württemberg. Letztendlich entscheidend war, daß die Niederlassung de jure zu Memmingen gehörte, deshalb kam sie an das Haus Wittelsbach in Person von Max von Bayern, der es einem seiner Begünstigten überließ, dem Grafen Montgelas, der es an Privat veräußerte. Das Haus wurde zu Mietswohnungen umgebaut. 1976 fanden Aus- und Umbauarbeiten im Inneren, an der Fassade und am Dach statt. Die Kirche wurde zu einer Gaststätte und zu Wohnungen umgebaut. Das weltliche Spital hingegen war bis ins 20. Jh. als städtisches Armenhaus in Benutzung. Heute sind in dem Gebäude des geistlichen Spitals das Ödenburger Heimatmuseum, die Volkshochschule Unterland und die Begegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt untergebracht. Im städtischen Hospitalbereich hingegen befinden sich nach einer um 1990-1992 erfolgten Sanierung das Reichsstädtische Museum, die Kultur- und Tourist-Infoformation und die städtische Galerie.

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.2291828,9.1622981,19.75z - https://www.google.de/maps/@49.2292104,9.162237,35m/data=!3m1!1e3
Kloster Stephansfeld: https://de.wikipedia.org/wiki/Stephansfeld_(Brumath)
Hospitaliter vom Heiligen Geist:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hospitaliter_vom_Heiligen_Geist
Günther Haberhauer über die Ordensniederlassung in Wimpfen:
https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/DOKUMENT/labw_kloester/1069/Heilig-Geist-Spital+in+Wimpfen
+eines+der+%C3%A4ltesten+Fachwerkgeb%C3%A4ude+der+Stadt+2008
Klöster in Baden-Württemberg:
https://www.kloester-bw.de/kloster1.php?nr=1069 - Geschichte: https://www.kloester-bw.de/klostertexte.php?kreis=&bistum=&alle=&ungeteilt=&art=&orden=&orte=&buchstabe=&nr=1069&thema=Geschichte
Altes Spital Wimpfen auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Altes_Spital_(Bad_Wimpfen)
Heid: Die Geschichte der Stadt Wimpfen, Verlag Johann Ulrich Landherr, Heilbronn 1846:
https://books.google.de/books?id=RGIAAAAAcAAJ
Bernd Wetzka: An Wimpfener Straßenrändern, 14. Folge: Roter Turm, Organ der SPD, Nr. 40, Mai 2014
https://www.spd-badwimpfen.de/dl/2014-05-24_Roter_Turm-download.pdf
Portrait von Sigismund Hochwanger:
http://www.hdbg.de/mem/mekat169.htm
Portrait von Sigismund Hochwanger mit Wappen und grauenvollem Wasserzeichen:
http://www.bildarchivaustria.at/downl/7323454/layout/PORT_00072022_01.jpg
Hospitaliter von Memmingen bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzherrenkloster_Memmingen
W. Thiem, Regierungspräsidium Stuttgart, Referat Denkmalpflege: Denkmalpflegerischer Werteplan Bad Wimpfen 2008 -
https://www.denkmalpflege-bw.de/fileadmin/media/denkmale/projekte/bau_kunstdenkmalpflege/02_praxisorient_vertiefung_denkmalwissen/
denkmalpflegerische_wertplaene/Denkmalpflegerischer_Werteplan_Gesamtanlage_Bad_Wimpfen_am_Berg.pdf
Liste der Kulturdenkmale:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Bad_Wimpfen
Wolfgang Willig: Spurensuche in Baden-Württemberg: Klöster, Stifte, Klausen, ein kulturhistorischer Führer, 504 S., Metz Verlags GmbH, 1. Auflage 1997,
ISBN 3-86144-122-5, Selbstverlag W. Willig, Balingen, ISBN 3-9801006-9-3, S. 469-470

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