Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2741
Langenenslingen (Landkreis Biberach)

Schloß Langenenslingen

Das Schloß Langenenslingen (Hauptstraße 71) befindet sich in der Ortsmitte westlich der neugotischen Kirche St. Konrad, durch einen Platz von dieser getrennt, zwischen der nördlich verlaufenden Hauptstraße und der südlich verlaufenden Schloßstraße. Der ca. 40 m lange und 16 m breite, zweistöckige Satteldachbau steht wenige Grad verdreht in Nord-Süd-Richtung und ist an allen vier Ecken mit einem dreistöckigen Turm mit achteckigem Querschnitt versehen, der von einem achtflächigen Zeltdach bedeckt wird.

Es gab zwar im Ort einen von 1272 bis ins 14. Jh. erwähnten Ortsadel der niederadligen Herren von Enslingen, aber ein entsprechender Herrensitz ist nicht bekannt. Dieser Ortsadel taucht im Gefolge der Grafen von Veringen und von Grüningen-Landau auf und hinterließ zuletzt als Bürger in Riedlingen seine Spuren, ehe er im Dunkel der Geschichte verschwand. Noch vor 1306 kam das Straßendorf von den Grafen von Grüningen-Landau an Habsburg als neuen Landesherrn. Rudolf von Habsburg hatte 1291 bereits die Grafschaft Veringen käuflich erworben. Die Habsburger verpfändeten Langenenslingen im Laufe des 14. Jh. mehrfach, an Graf Wolfrad von Veringen, an Burkard von Ellerbach, 1330 an Graf Eberhard von Landau, an Graf Heinrich von Veringen, 1344/1359 an die Grafen Eberhard und Ulrich von Württemberg. 1409 kam der Ort unter Vorbehalt des Kirchensatzes an die Grafen von Werdenberg, die 1399 bereits die Grafschaft Veringen als habsburgisches Lehen bekommen hatten. Seitdem war Langenenslingen Teil der Grafschaft Veringen. Das Kirchenpatronat lag 1369 bei Habsburg, 1409 bei Württemberg und nach 1476 bei Werdenberg.

1535 ging Langenenslingen nach dem Erlöschen der Werdenberger im Mannesstamm als österreichisches Lehen zusammen mit der restlichen Grafschaft Veringen, ebenso wie die Grafschaft Sigmaringen, an Graf Karl I. von Hohenzollern (1516-8.3.1576), der 1558 in allen Hohenzollerschen Landen (Hechingen, Haigerloch und Werstein) herrschte, bis am 24.1.1575 eine Erbeinigung mit Teilung beschlossen wurde. Als sich in der nächsten Generation verschiedene Linien herausbildeten, landete das Lehen über den Ort bei der Linie Hohenzollern-Sigmaringen. Bis 1805 lag die Landesherrschaft über den Hauptort Langenenslingen bei Österreich, dann ging die volle Souveränität 1805/1806 auf das mittlerweile fürstliche Haus Hohenzollern-Sigmaringen über, und Langenenslingen wurde dem Oberamt Sigmaringen zugeschlagen. 1850 kam der Ort zum preußischen Regierungsbezirk der Hohenzollerschen Lande. Bis zur Reform der Landkreise 1973 blieb Langenenslingen eine Exklave, gehörte zum Oberamt bzw. dann Landkreis Sigmaringen, lag aber inmitten des württembergischen Oberamtes Riedlingen bzw. ab 1938 im Landkreis Saulgau. 1973 wurde der neue Landkreis Biberach gebildet.

Das Schloß in Langenenslingen wurde 1576-1578 als Jagdschloß der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen errichtet. Der Erbauer war Graf Karl II. von Hohenzollern-Sigmaringen (22.1.1547-8.4.1606), der seit dem 8.3.1575 zu Sigmaringen regierte und oberster Hauptmann und Landvogt im Elsaß sowie Hauptmann der Herrschaft Hohenberg war. 1630 wurde das Schloß erweitert, 1633 von den Schweden im Dreißigjährigen Krieg, der die Gegend sehr hart traf, zerstört, und danach wiederaufgebaut. Im 18. Jh. diente es als hohenzollernscher Witwensitz.

Der Wappenstein an der platzseitigen Ostfassade ist auf das Jahr 1719 datiert. Zwei Schilde eines Allianzwappens sind unter einem gemeinsam genutzten Fürstenhut vereint. Der heraldisch rechte Schild steht für Meinrad II. Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen (1689-1715), den Ururenkel des Erbauers. Er war zu dem Zeitpunkt schon verstorben, und sein ältester Sohn Joseph Friedrich Ernst Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen (24.5.1702-8.12.1769) hatte in Sigmaringen die Nachfolge angetreten und regierte als 5. Fürst 1715-1769, zunächst noch bis 1720 unter der Vormundschaft seiner Mutter, denn der Kronprinz wurde mit 18 Jahren volljährig. Bis dahin war er in österreichische Militärdienste eingetreten, und dort stieg er bis zum General der Kavallerie und schließlich zum Generalfeldmarschalleutnant des Schwäbischen Kreises auf.

Dieses Wappen der schwäbischen Hohenzollern ist geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: Grafschaft Hohenzollern, silbern-schwarz geviert, Feld 2 und 3: Grafschaft Sigmaringen, in Blau ein schreitender goldener Hirsch auf einem grünen Dreiberg (oder Boden) im Schildfuß, Herzschild: Reichserbkämmereramt, in Rot zwei schräggekreuzte goldene Zepter (Lilienzepter). Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: FstA Seite: 108 Tafel: 139. Hier fehlen die möglichen drei gekrönten Helme, das wären: Helm 1 (Mitte): auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken ein aufrechtes goldenes Zepter (Lilienzepter, für das Reichserbkämmereramt), Helm 2 (rechts): auf dem gekrönten Helm mit schwarz-silbernen Decken ein wachsender, silbern-schwarz gevierter Brackenrumpf (Hohenzollern), Helm 3 (links): auf dem Helm mit blau-goldenen Decken ein rotes Hirschgeweih (Sigmaringen). Weiterer Nachweis: Siebmacher Souveräne 4, Seite 27-28, Tafel 27.

1702 regierte Karl Meinrad II. Anton Fürst zu Hohenzollern-Sigmaringen auch in Haigerloch. Die Familie war 1707 vor den Wirren des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714) nach Wien geflohen, wo Fürst Meinrad sowieso in österreichischen Militärdiensten stationiert war, nachdem er zuvor 1702 in den Niederlanden, 1703 in Bayern und 1704 in Ungarn gekämpft hatte. Die Unterbringung von Frau und Kindern in Wien war aufgrund der Franzoseneinfälle in Schwaben sicherer. Erst 1714 kehrte die Familie zurück, und schon im Folgejahr verstarb Fürst Meinrad, und seine Witwe wurde Regentin.

Meinrad hatte am 22.11.1700 in Sigmaringen Johanna Katharina Viktoria Gräfin von Montfort-Tettnang (9.10.1678-26.1.1759) geheiratet, die Tochter von Johann Anton I. Graf von Montfort-Tettnang (14.10.1635-14.6.1708) und Maria Viktoria Gräfin von Spaur und Flavon (1651-16.5.1688). Sie war auch Sternkreuz-Ordensdame. Die Anbringung dieses Allianzwappens entspricht der Nutzung des Schlosses durch die Witwe, die zu diesem Zeitpunkt noch die Vormundschaftsregierung als Regentin von Hohenzollern-Sigmaringen führte. Das Wappen der Grafen von Montfort zeigt in Silber eine rote, dreilätzige Kirchenfahne, oben mit drei Ringen. Die Grafen von Montfort-Tettnang führten nach der Züricher Wappenrolle als Helmzier einen infulartigen roten Beutelstand, die beiden Zipfel mit einer silbernen Kugel besteckt. Daraus wird später eine rote (silberne) Inful mit silbernen (roten) Verzierungen (Bordierungen). Im Scheiblerschen Wappenbuch ist die Helmzier ein wachsender, rot gekleideter Mannesrumpf, auf dem Haupt eine rote Inful mit zwei silbernen Kugeln an den beiden Spitzen und abflatternden roten Bändern, ähnlich ist in den Siebmacherschen Wappenbüchern ebenfalls ein wachsender Bischof mit rot-silberner Inful und einem Gewand, welches wie der Schild bez. ist, verzeichnet, ein hübsches Beispiel für die Entwicklung der Helmzier zu komplexeren Formen und ihre Umdeutung. Helmdecken rot-silbern. Referenzen: Siebmacher, Band NÖ1, S. 303, T. 161, Band NÖ2, S. 542, T. 267, Band Salz, S. 42, T. 17, Band WüA, S. 20, T. 19, Band WüA, S. 250, Münchner Kalender 1911.

Das Schloß wurde 1761 verändert. 1811 wurde das Gebäude an eine Privatperson veräußert. Die aus dem Jahr 1627 stammende Schloßkapelle wurde 1811 abgebrochen. Die Gemeinde Langenenslingen erwarb das Schloß 1855. Das Gebäude wird seit 1858 als Rathaus genutzt. 1960 wurde der Bau verändert. 2001-2003 fand eine Generalsanierung durch das ortsansässige Architekturbüro Guido Vogel statt; dabei wurden das historische Gebäude von neuzeitlichen An- und Einbauten befreit und das ursprüngliche Erscheinungsbild weitgehend wiederhergestellt. Im Dachgeschoß wurde ein großer Bürgersaal eingebaut, und die Büros der Rathausangestellten wurden neu geordnet.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@48.148162,9.3779293,19.75z - https://www.google.de/maps/@48.1480576,9.3781036,62m/data=!3m1!1e3
Gemeinde Langenenslingen:
https://www.langenenslingen.de/index.php?id=96
Langenenslingen auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Langenenslingen#Bauwerke
Langenenslingen auf LEO-BW:
https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/17333/Langenenslingen und https://www.leo-bw.de/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/17347/Langenenslingen
Architekt Guido Vogel:
https://www.vogel-architektur.de/projekte/öffentliche-bauten/
Hohenzollern-Sigmaringen bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hohenzollern-Sigmaringen
Die Personen des Allianzwappens bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Meinrad_II._(Hohenzollern-Sigmaringen) und https://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_Katharina_von_Montfort und der Sohn: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Friedrich_Ernst_(Hohenzollern-Sigmaringen)
Gustav Schilling: Geschichte des Hauses Hohenzollern, in genealogisch fortlaufenden Biographien aller seiner Regenten von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten, nach Urkunden und andern authentischen Quellen, F. Fleischer, 1843, S. 279 ff. -
https://reader.digitale-sammlungen.de//de/fs1/object/display/bsb10428461_00299.html
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Wolfgang Willig, Landadel-Schlösser in Baden-Württemberg, eine kulturhistorische Spurensuche, 1. Auflage 2010, ISBN 978-3-9813887-0-1, S. 289
Stefan Uhl: Burgen, Schlösser und Adelssitze im Landkreis Biberach, in: Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach, hrsg. von der Gesellschaft für Heimatpflege (Kunst- und Altertumsverein) Biberach e. V., 9. Jahrgang, Sonderheft 1, 6.6.1986, S. 51

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