Alexander Hoffmann, Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2791
Meyenburg (Landkreis Prignitz, Brandenburg)

Schloß Meyenburg

Die Stadt Meyenburg in der Prignitz liegt am Oberlauf der Stepenitz, und das Schloß liegt am nordöstlichen Ortsrand, bogenförmig von der Stepenitz umflossen (Adresse: Schloß 1, 16945 Meyenburg). Das aus Backstein errichtete Schloß bildet eine mehrflügelige Anlage mit einem ca. 47 m langen, zweistöckigen Hauptflügel in West-Ost-Richtung, einem westlich angesetzten, ca. 19 m langen Querflügel und einem schmalen, langen und ebenfalls zweistöckigen, aber etwas niedrigeren Ostflügel, der L-förmig vom Haupthaus aus nach Süden verläuft und rückwärtig weitere, teils moderne Trakte auf historischen Mauern anbindet. In der Mitte der repräsentativen Südseite erhebt sich ein großer Schmuckgiebel, an dem das unten vorgestellte Wappen angebracht ist. Rückwärtig in Richtung Stepenitz sind zwei Rundtürme eingebaut, mit einem Zwerchgiebel dazwischen. In Richtung Bachlauf ist eine Terrasse vorgebaut. Auf der Nordseite des Hauptflügels gibt es noch einen weiteren Zwerchgiebel. Der Hauptflügel endet im Osten an einem Rundturm, der aber mit seinem Dach noch nicht einmal bis zum Ansatz des dortigen Krüppelwalmdachs reicht. Der Westflügel besitzt im Norden und Süden je einen großen Hauptgiebel und nach Westen einen kleinen Zwerchgiebel. Bei allen handelt es sich um Volutengiebel im Stil der norddeutschen Renaissance mit drei halbrunden Aufsätzen. Der Meyenburger Schloßpark erstreckt sich zwischen Stepenitz und Freyensteiner Straße und mißt ca. 420 m x 200 m.

Abb.: Schloß Meyenburg von Südwesten, links im Bild der Querflügel, mittig der Hauptflügel

Eine um 1200 von den Havelberger Bischöfen errichtete Burg wird nordöstlich des heutigen Schlosses auf dem Trockenberg vermutet. Später wechselte der Besitz der Stadt vom Bistum erst an die Edlen Gans von Putlitz, anschließend noch in der ersten Hälfte des 13. Jh. an die Markgrafen von Brandenburg. Mitte des 14. Jh. wurde die Stadt als markgräflich-brandenburgisches Lehen an die Herren von Rohr vergeben, die ursprünglich aus Bayern und Österreich stammen und 1304 erstmalig in der Prignitz auftauchen. Dieses Lehen war eine Gunst und ein Dank für den Heerführer Alard von Rohr, der 1357/1358 für den Markgrafen von Brandenburg die von dem Fürsten von Werle besetzten Burgen Meyenburg und Freyenstein mit Militäreinsatz zurückholte. Das Schloß Meyenburg war seitdem (vermutlich schon ab 1359, ganz sicher ab 1364) im Besitz der vermögenden Familie, die neben den Edlen Gans und den von Quitzow zu den dominierenden Familien der Prignitz zählte. Auch Freyenstein war seit 1492 im Besitz der Familie und blieb es bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Die Familie der Herren von Rohr auf Meyenburg teilte sich zeitweise in einen weißen und einen schwarzen Stamm, die beide unterschiedliche Bauten bewohnten, und später teilte sich der schwarze Stamm noch einmal, so daß es drei Familienteile gab. Um 1760 vereinigten sich wieder die beiden schwarzen Stämme, und 1818 wurde der ganze Besitz, auch der des weißen Stammes, wieder unter Otto Christoph von Rohr aus dem schwarzen Stamm vereinigt.

Abb.: Schloß Meyenburg von Süden gesehen

Die ältesten Teile des Gebäudes stammen noch aus dem 15. Jh., andere Gebäude stammen aus dem 16. Jh. Das Problem war, daß durch die Aufspaltung in verschiedene Stämme mehrere ältere separate Herrenhäuser existierten. Dazu war eine bauliche Besonderheit, daß die Anlage Teile der mittelalterlichen Stadtbefestigung von Meyenburg mit einbezieht, daher stammen die zwei Türme auf der Nordseite und die ebenfalls zwei Türme auf der Ostseite. Ritterschaftsdirektor Otto August Alexander von Rohr (1810-1892) beschloß, die Fragmente baulich zusammenzuschließen und der Anlage ein einheitliches Äußeres zu geben. Die Mittel zum Umbau kamen aus der kurz zuvor erfolgten Vereinigung mit dem Hause Wahlen Jürgass. Von 1865 bis 1866 wurde der Bau im seinem Auftrag durch den Berliner Baubeamten und Architekten Friedrich Adler (15.10.1827-15.9.1908) im Stil der norddeutschen Neorenaissance umgestaltet. Besonders typisch dafür ist die Fassadengestaltung der Giebel. Die Herausforderung dieser Umgestaltung war, die beiden noch vorhandenen, einst separaten Burghäuser möglichst unverändert in den Komplex einzubeziehen und die neue Backsteinarchitektur mit den alten Steinbauten zu verbinden. Eine großartige Fassade kaschiert geschickt die historisch gewachsenen Inhomogenitäten dahinter, und es entstand ein für die Region sehr aufwendig gestaltetes Herrenhaus. Wo früher die Lücke zwischen beiden Herrenhäusern war, steht nun der große neue Giebel. Von diesem Bemühen um Vereinheitlichung kündet die Inschrift am Herrenhausgiebel unterhalb des Wappens: "BONIS IUNCTIS / DOMUS IUNCTAE SUNT / MDCCCLVI" - nachdem die Güter vereinigt worden sind, wurden auch die Häuser verbunden, 1866. Der Schloßpark wurde vom Berliner Hofgärtner Fink 1868 im Stile des Landschaftsgestalters Peter Joseph Lenné angelegt und von Schloßgärtner Walter Nebert betreut. Theodor von Rohr (1849-1914), der Gründer des heute noch existierenden Obst- und Imkervereins in der Stadt, ließ nach 1900 noch ein paar Anbauten errichten.

 

Das Stammwappen der Herren von Rohr befindet sich hoch oben im Giebel des Herrenhauses; es ist von Rot und Silber im Spitzenschnitt gespalten, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein springender, natürlicher Fuchs vor sieben abwechselnd silbernen und roten Rosen mit grünen Stengeln (Siebmacher Band: Pr Seite: 330 Tafel: 383, Band: Me Seite: 18 Tafel: 16, Band: SaA Seite: 134 Tafel: 88, Band: ThüA Seite: 69 Tafel: 54).

Abb.: Der Hauptgiebel schließt die Lücke zwischen den beiden älteren Teilbauten

Der letzte Schloßherr war Wichard von Rohr, einziger Sohn des vorgenannten Theodor von Rohr und letzter männliche Erbe des alten Adelsgeschlechtes. Er starb im gleichen Jahr wie sein Vater; er fiel am 6.8.1914 bei Lüttich gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als erstes Opfer der Stadt Meyenburg. Nach seinem Tod wohnten hier die letzten Angehörigen, das waren seine Mutter Emilie Sophie Josepha und seine Schwester Magdalena, die 1906 Manfred Graf von Harrach geheiratet hatte. Das waren zugleich die letzten Bewohner des Schlosses aus der Familie. Ein erneuter Umbau erfolgte 1914. 1918 wurde das Schloß elektrifiziert und mit Wasserleitungen ausgestattet. 1934 gab Gräfin Harrach geb. von Rohr Wahlen Jürgass, das Anwesen aufgrund zu hoher laufender Kosten auf, das stolze 575 Jahre in Familienbesitz gewesen war. Nachdem das Schloß wechselnde Nutzungen als SA-Sportschule, Heim des Reichsarbeitsdienstes, Vertriebenenunterkunft, Kinderhort und Internatsschule erlebt hatte und mittlerweile in sehr schlechtem baulichen Zustand war, konnte erst nach 1992 an eine Wiederherstellung des prächtigen Herrenhauses gedacht werden.

Abb.: Nordseite des Hauptflügels mit der Nahtstelle zwischen den beiden einstigen Teilbauten und der neuen Terrasse

Die Restaurierung der Anlage nach Plänen des Berliner Architekten Werner Dünkel in den Jahren 1996-2002 stellte den Zustand von 1866 wieder her. Der mittlerweile stark verwilderte Park wurde 1997 wieder in einen dem Original entsprechenden Landschaftspark verwandelt. Am 4.6.2006 konnte die restaurierte Anlage offiziell ihrer neuen Nutzung als kulturelles Zentrum der Region zugeführt werden. Heute befinden sich im Schloß die Stadtbibliothek von Meyenburg, das Schloßmuseum mit Informationen über die Schloßgeschichte und das Leben der Adelsfamilie von Rohr, und das Modemuseum, das als Schwerpunkt die europäische Kleidermode der Zeit 1900-1970 hat. Im Festsaal des Schlosses finden seit 2005 standesamtliche Trauungen statt.

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@53.3162653,12.242941,18z - https://www.google.de/maps/@53.3162603,12.2430156,90m/data=!3m1!1e3
Originalpublikation: Alexander Hoffmann: Heraldik unterwegs, Schloß Meyenburg:
http://heraldik-unterwegs.berlinerwappen.de/?page_id=255
Schloß Meyenburg auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Meyenburg
Schloß Meyenburg auf den Seiten des Amts Meyenburg:
www.amtmeyenburg.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=53600
Seiten des Schloßmuseums:
http://www.schloss-meyenburg.de/ - Schloßgeschichte: http://www.schloss-meyenburg.de/schlossgeschichte/
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Gedenkstein für die Familie von Rohr:
www.amtmeyenburg.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=64074
Modemuseum:
www.modemuseum-schloss-meyenburg.de/
Friedrich Adler auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Adler_(Baurat)
Dr. Clemens Bergstedt: Flyer des Schloßmuseums
Schloß Meyenburg auf Reiseland Brandenburg:
https://www.reiseland-brandenburg.de/poi/prignitz/schloesser-und-parks/schloss-meyenburg/?no_cache=1
Beate Vogel: 150 Jahre Schloßumbau, Artikel in der Märkischen Allgemeinen vom 12.9.2016
https://www.maz-online.de/Lokales/Prignitz/150-Jahre-Schlossumbau
Schloß Meyenburg: Jetzt ist auch das letzte Porträt restauriert, Artikel in der Märkischen Allgemeinen vom 6.12.2020
https://www.maz-online.de/Lokales/Prignitz/Meyenburg/Schloss-Meyenburg-Jetzt-ist-auch-das-letzte-Portraet-restauriert
Kulturort Brandenburg:
http://kulturort-brandenburg.de/schloss-meyenburg/
Schloß Meyenburg auf den Seiten des Landkreises Prignitz:
https://www.landkreis-prignitz.de/de/zu-gast-im-landkreis/tourismus/zao/zao_meyenburg.php - Flyer: https://www.landkreis-prignitz.de/de/zu-gast-im-landkreis/tourismus/zao/ZAO-Meyenburg.pdf

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