Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2830
Hall in Tirol (Innsbruck-Land, Tirol, Österreich)

Stadtpfarrkirche St. Nikolaus in Hall (7): Freiherren von Wicka

Dieses Epitaph ist unter der Arkade vor dem Josefskirchlein angebracht, unterhalb der Platte für den Münzmeister Bernhard Beham. Es war früher an der Pfarrkirche angebracht, rechts vom Fuegerschen Portal, so wie links desselben früher das Schneeburg-Epitaph angebracht war. Der Stein ist querrechteckig und aus einem roten, stark gefleckten Marmor gefertigt. Die Marmorierung, die zerklüftete Oberfläche und die geringe Relieftiefe machen es sehr schwierig, hier bei Tageslicht überhaupt etwas zu erkennen, deshalb sind alle anderen Photos außer den drei ersten nachts mit seitlichem Blitz entstanden.

Die Marmorplatte weist eine deutliche Dreiteilung auf mit zwei Vollwappen in den äußeren Abschnitten und einer Inschrift im mittleren Teil. Die Inschrift ordnet dieses Epitaph allgemein den Freiherren von Wicka zu: "PERILL(VSTRIVM) / D(OMINORVM) D(OMINORVM) BARONVM / DE WICKA / PVLVIS ET VMBRA / HIC IACE(N)T / ILLVSTRIVS / VT RESVRGAT / IN / LVCEM / PERPETVAM" - hier liegen der Staub und der Schatten der sehr erlauchten Freiherren von Wicka, um noch erlauchter aufzuerstehen ins ewige Licht. Ganz unten sieht man noch einen Totenschädel mit Sanduhr als Vergänglichkeitssymbol. Zwischen der Inschrift und dem optisch linken Wappen liest man "MDC" gegenüber steht der Rest "LXXXII", also ist diese Platte auf 1682 datiert. Das ist wohl als Herstellungsdatum zu interpretieren, nicht als spezielles Todesdatum eines bestimmten Familienmitglieds, so wie auch die Platte inschriftlich nicht personalisiert ist.

 

Abb. links: Wappen der Freiherren von Wicka, Abb. rechts: Wappen der von Niedermayr auf Altenburg

Die Freiherren von Wicka und späteren Grafen Wicka von Wickburg, Rainegg und Montcroix waren auch unter dem Namen Rainegg bekannt, weil ihnen das Schloß Rainegg in Hall gehörte. Dieser Ansitz in Form eines schloßartigen Hauses trägt diesen Namen, weil er auf der vorspringenden Ecke des Raines liegt, welcher Pfaffenbühel genannt wird. Es bildete einen Schutz für das tiefer gelegene Eglhaustor bzw. Thaurertor (heute: Ritter-Waldauf-Straße 16).

Die ursprünglich aus Lothringen stammende und dann in der Schweiz und schließlich ab ca. 1616 in Hall ansässige Familie gelangte während der Franzosenkriege um 1680 zu großem Reichtum. Den von Wicka gehörten auch ein Gut bei St. Martin im Gnadenwald und die dort von ihnen erbaute Wickburg auf der Breitwiese. Im Volderwald gehörte ihnen der Edelsitz Taschenlehen. Auch in der Salzwirtschaft von Hall spielt die Familie eine Rolle, so wird 1665-1686 Johann Franz Graf von Wicka als oberösterreichischer Kammerrat und Salzmaier in Hall verzeichnet. Von den von Wicka ist bekannt, daß es Anfang des 18. Jh. eine Auseinandersetzung um den Bau eines neuen Sudhauses gab, gegen den sie opponierten.

Johann Franz Wicka (-1688), Sohn von Bartholomäus Wicka und dessen Ehefrau Johanna von Bajol, Statthalter des fürstlichen Domstiftes Basel, erhielt am 21.11.1658 den rittermäßigen Adelsstand für das Reich und die Erblande als "von Wicka", das privilegium denominandi, die Lehenbesitzfähigkeit, die Rotwachsfreiheit, das privilegium fori, das Freisitzrecht und das privilegium de non usu (AT-OeStA/AVA Adel RAA 455.53). Dieser Johann Franz von Wicka (1622/23-1688), kaiserlich-oberösterreichischer Kammerrat, 1658 Verwalter der erzfürstlichen "guardaroba", Gesandter sowie Sonderbeauftragter und Resident in Paris, erhielt am 17.9.1666 den Ritterstand für das Reich und die Erblande  (AT-OeStA/AVA Adel RAA 455.54, AT-OeStA/AVA Adel HAA AR 1076.33). Das war im Grunde nur eine Adelsbestätigung mit der Erweiterung "zu Wickburg". Am 29.10.1671 bekam er den Freiherrenstand als "von Wicka Frei- und Edler Herr zu Wickburg" (AT-OeStA/AVA Adel HAA AR 1076.34). Er wurde 1688 mit dem Prädikat "von Wickburg und Reinegg" in den Reichsgrafenstand erhoben, also nur 6 Jahre nach der Stiftung dieses Epitaphs, auf dem die Familie noch als Barone bezeichnet wird.

 

Abb. links: Feld 1 des freiherrlichen Wicka-Wappens, Abb. rechts: Feld 2 des freiherrlichen Wicka-Wappens

Das freiherrliche Wappen von 1671, das wir hier im Jahre 1682 sehen, ist geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Gold ein schwarzer, golden gekrönter Adler, Feld 2 und 3: in Rot ein silberner Balken, davor auf einem grünen Dreiberg ein kleeblattendiges goldenes Kreuz, gehalten von zwei einwärtsgerichteten blauen, golden gekrönten Löwen, im oberen roten Platz ein Fürstenhut zwischen zwei silbernen, sechszackigen Sternen, Herzschild: in Schwarz zwei schräggekreuzte goldene Zepter, bewinkelt von den goldenen Majuskel-Lettern L, F, C und SF und oben begleitet von einer Kaiserkrone, dazu werden drei gekrönte Helme geführt, Helm 1 (Mitte): zu blau-silbernen Decken auf einem grünen Dreiberg ein kleeblattendiges goldenes Kreuz, gehalten von zwei einwärtsgerichteten blauen, golden gekrönten Löwen, darüber schwebend ein Fürstenhut zwischen zwei silbernen, sechszackigen Sterne, Helm 2 (rechts) und Helm 3 (links): zu schwarz-goldenen Decken jeweils ein schwarzer, golden gekrönter Adler. Alternativ werden in der Fischnaler-Wappenkartei durchgehend rot-goldene Decken verwendet. Der Adler ist ein Gnadenzeichen, das Kreuz auf dem Berg steht redend für Montcroix. Das Kleinod auf dem mittleren Helm ist ganz unheraldisch, weil die frei schwebenden Elemente nur auf dem Papier machbar sind und in Wirklichkeit herabfallen würden. Das freiherrliche Wappen hat Siebmacher V. 317 sub "Wibsa".

 

Abb. links: Herzschild des freiherrlichen Wicka-Wappens, Abb. rechts: Kleinod 2 (rechts) des freiherrlichen Wicka-Wappens

Das gräfliche Wappen, das wenige Jahre später in Gebrauch kam, hat gekrönte Doppeladler in den Feldern 1 und 4 und auf den Helmen 2 und 3, zwei Herzschilde nebeneinander und zwei zusätzliche Helme. Es wird im Siebmacher Band: Bay Seite: 24b Tafel: 20 wie folgt beschrieben: geviert mit zwei Herzschilden nebeneinander, Feld 1 und 4: in Gold ein schwarzer, golden gekrönter und bewehrter Doppeladler (Reichsadler), Feld 2 und 3: in Rot ein silberner Balken, davor auf einem grünen Dreiberg ein kleeblattendiges goldenes Kreuz, gehalten von zwei einwärtsgerichteten blauen, golden gekrönten Löwen, im oberen roten Platz ein Erzherzogshut zwischen zwei silbernen, sechszackigen Sternen, rechter Herzschild: in Schwarz zwei schräggekreuzte goldene Zepter, bewinkelt von den goldenen Majuskel-Lettern L, F, C und SF und oben begleitet von einer Kaiserkrone, linker Herzschild: schräggeteilt, oben in Blau ein goldener Löwe, unten in Rot zwei silberne Schrägbalken (Grafschaft Görtz), dazu werden fünf gekrönte Helme geführt, Helm 1 (Mitte): zu blau-silbernen Decken auf einem grünen Dreiberg ein kleeblattendiges goldenes Kreuz, gehalten von zwei einwärtsgerichteten blauen, golden gekrönten Löwen, darüber schwebend ein Erzherzogshut zwischen zwei silbernen, sechszackigen Sterne, Helm 2 (rechts innen) und Helm 3 (links innen): zu schwarz-goldenen Decken jeweils ein schwarzer, golden gekrönter und bewehrter Doppeladler (Reichsadler), Helm 4 (rechts außen) und Helm 5 (links außen): ein rot-silbern gespaltener, oben mit roten und silbernen Federn besteckter hoher Hut, mit Stulp in verwechselten Farben, mit sechs (1:2:1:2) Kreuzlein in verwechselten Farben besetzt, Decken rechts schwarz-golden, links rot-silbern.

Johann Franz Graf von Wicka hatte zu Brüdern 1.) Johann Jakob (Nachkommen) und 2.) Johann Georg (keine Nachkommen bekannt) und dazu noch zwei verheiratete Schwestern. Johann Franz Graf von Wicka war vermählt mit Maria Anna Niedermayr von Altenburg und starb in Wien im Alter von 65 Jahren. Zwei seiner beiden Kinder waren Franz Sigmund Joseph Wicka von Wickburg (geistlich, s. u.) und Ferdinand Karl Wicka von Wickburg (-1731, Nachkommen), oberösterreichischer Kammerrat und Bankaldirektor, seit dem 30.11.1695 Reichsgraf von Wicka zu Wickburg. Letzterer ist begraben in der Kirche zu Breitwies im Wald, die er selbst gegründet und gestiftet hat.

 

Abb. links: Kleinod 1 (Mitte) des freiherrlichen Wicka-Wappens, Abb. rechts: Kleinod 3 (links) des freiherrlichen Wicka-Wappens

Mehrere Familienmitglieder tauchen in kirchlichen Ämtern auf, das war zum einen Jean Jaques Baron Wicka, Ende des 17. Jh. Domkapitular, und zum anderen Baron Franz Sigmund Joseph Wicka von Wickburg und Reinegg (-1.8.1735), Kapitular und Domdekan in Basel. Letzterer, ein Sohn des Johann Franz Graf von Wicka, wurde am 1.12.1691 in den Grafenstand erhoben als "Graf von Wicka zu Wickburg und Reinegg" mit dem Recht auf die Anrede "Hoch- und Wohlgeboren" (AT-OeStA/AVA Adel HAA AR 1076.35). Ruhm und Reichtum zerronnen jedoch ebenso schnell wie die Familie aufgestiegen war: Das Vermögen schwand im 18. Jh., das Innsbrucker Stadthaus in der Innstraße 23 kam 1760 aus der Konkursmasse in bürgerliche Hände. Die Familie starb am 21.6.1822 aus mit Josef Bartlmä Graf von Wicka, erst Kanoniker in Chur, dann Pfarrer in Mals, danach in Tschengls im Vintschgau, schließlich bis zuletzt Pfarrer von Algund in Südtirol. Sein Bruder Sigmund Graf von Wicka war k. k. Oberlieutenant und war schon zuvor 1819 ohne Nachkommen als Großritter des Ruperti-Ritterordens verstorben. Beide waren die Urenkel des Johann Franz Graf von Wicka, der diese Platte in Auftrag gegeben hatte.

Abb.: Schild des Niedermayr-Wappens

Daß der vielfach geehrte und im Stand erhobene Johann Franz Graf von Wicka der Stifter dieser Epitaphienplatte für das Familienbegräbnis war, auch wenn er selbst in Wien verstarb, belegt das zweite Wappen auf der heraldisch linken Seite, denn das ist dasjenige für seine Ehefrau, Maria Anna von Niedermayr auf Altenburg. Deren Wappen ist geviert, Feld 1 und 4: in Gold die Dreiviertelfigur eines Mannes (Ungarn, Türken?) in blauem Gewand und mit blauer Mütze auf dem Kopf, die Aufschläge golden, in der Rechten einen silbernen Krummsäbel schwingend, die Linke eingestemmt, Feld 2 und 3: dreimal gespalten in den Farben Gold, Silber, Blau und Gold, dazu zwei gekrönte Helme, Helm 1 (rechts): zu blau-goldenen Decken der blaue Mann mit Krummsäbel aus Feld 1 und 4 wachsend, Helm 2 (links): zu blau-silbernen Decken ein Paar zweimal geteilter Büffelhörner, das rechte golden-blau-silbern geteilt, das links golden-silbern-blau geteilt (Tinkturen nach einem historischen Kupferstich aus den Tyroffschen Wappenbüchern, unter den Freiherren gelistet III. B 68).

 

Abb. links: Kleinod 1 (rechts) des Niedermayr-Wappens, Abb. rechts: Kleinod 2 (links) des Niedermayr-Wappens

Bei dem namengebenden Altenburg handelt es sich um Burg bzw. Schloß Altenburg in Feldkirchen-Westerham im oberbayerischen Landkreis Rosenheim. Diese Burg war erst 1434-1560 in den Händen der von Maxlrain, dann der Herren von Lösch und kam 1638 an die Herren von Niedermayr. Nach denen kam die Burg an die Freiherren zu Hofstetten und 1879 an Graf Georg von Wilding-Königsbrück, Fürst von Radali.

Abb.: Feld 1 des Niedermayr-Wappens

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@47.2815831,11.5066981,20z - https://www.google.de/maps/@47.2815831,11.5066981,88m/data=!3m1!1e3
Anton Eberle: Grabsteine der St. Nikolaus-Pfarrkirche zu Hall, 1876, Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg 3/20, S. 1-42, https://www.zobodat.at/pdf/VeroeffFerd_3_20_0001-0042.pdf - insbes. S. 25-27
Hans Hochenegg: Analyse der Sozialverhältnisse des landsässigen Adels am Beispiel Tirols, nach: Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972, in: WIKIa Szlachta https://szlachta.fandom.com/de/wiki/Adelsverarmung_Tirol
Standeserhebungen Wicka in den Unterlagen des österreichischen Staatsarchivs:
https://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=3434295 - https://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=2725305 - https://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=4376683 - https://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=4376684 - https://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=4376685 - https://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=1652085
Freiherrliches Wappen in den Unterlagen des österreichischen Staatsarchivs:
https://www.archivinformationssystem.at/getimage.aspx?veid=2725305&deid=10&sqnznr=1&width=520&klid=9
von Wicka im Salzburg-Wiki:
https://www.sn.at/wiki/Wicka_von_Wickburg
Wappen der von Wicka in der Fischnaler-Wappenkartei:
http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=29179&sb=wicka&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=29180&sb=wicka&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=29182&sb=wicka&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=29183&sb=wicka&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=29187&sb=wicka&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=29186&sb=wicka&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=29185&sb=wicka&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=29184&sb=wicka&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=29188&sb=wicka&sw=&st=&so=&str=&tr=99
Ahnentafel Wicka:
http://www.bonanomi.ch/wicka_605/index.html
Sebastian Kögl: Die erloschenen Edelgeschlechter Tirols, zweite alphabetische Reihenfolge, in: Neue Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg, 12. Band, Innsbruck 1846, S. 146-203, insbesondere S. 197-198 und Wappentafel am Ende,
http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_remote/VeroeffFerd_1846_12_0146-0203.pdf
Tyroffsche Wappenbücher
Burg Altenburg:
http://www.burgenwelt.org/deutschland/altenburg_by/ge.htm - https://de.wikipedia.org/wiki/Altenburg_(Feldkirchen-Westerham)

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