Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2857
Brixen (Bressanone, Südtirol, Italien)

Das Epitaph für Fürstbischof Kaspar Ignaz Künigl im Brixner Dom

Im Brixner Dom befindet sich im Querschiff links das Epitaph für den Fürstbischof Kaspar Ignaz Graf Künigl Freiherr zu Ehrenburg und Warth (Gaspare Ignazio Künigl). Zwei viereckige Pilaster mit ionischen Kapitellen sind seitlich schräg aus der Fläche herausgedreht, sie tragen die beiden Teile eines gesprengten, geschwungenen Giebels. Kanneluren sind dunkel hervorgehoben. Zwischen den beiden kurzen Giebelstücken schließt das Grabdenkmal mit einem flach gespannten Bogen ab, über dem ein ovales Medaillon mit einem Relief-Brustbild des Bischofs von zwei geflügelten Putten gehalten wird. Auf den beiden Seitenteilen stehen halb verdeckt zwei goldene Urnen, aus denen oben Flammen schlagen. Im Zentrum befindet sich ein schwarzes Inschriftenfeld, auf dem in goldener Kapitalis zu lesen ist: "HIC IACET / CASPARUS IGNA-/TIUS EP(ISCOP)US ET S(ACRI) R(OMANI) I(MPERII) / PRINCEPS BRIXINENSIS EX / COMITIBUS KINIGL, / NATUS OENIPONTI NONIS MARTII / MDCLXXII / S(ANCTI) CASSIANI M(ARTYRI) PRIMI HUIUS ECCLESIAE / EPISCOPI, CUIUS BRACHIUM EX FORO / CORNELII HUC TRANSFERENS AURO / ARGENTO GEM(M)ISQUE EXORNAVIT, / DEVOTISSIMUS CULTOR / CAPITULI SUI BENEFACTOR / BENEFICIORUM FUNDATOR / AEDIFICIORUM RESTAURATOR / PAUPERUM VERUS PATER / DUM HUIC BASILICAE AB ANTIQUATA AD / MODERNAM FORMAM SUO POTISSIMU(M) / AERE EXCITATAE CORONIDEM IMPONE- / RE PARAT EXPLETO XLV ANNORU(M) / REGIMINE AD REPOSITAM IUSTITIAE / CORONAM EVOCATUR XXIV JULII / MDCCLVII / PIETATIS, EXCELSI ANIMI / MISERICORDIAE RERU(M) EXE(M)PLAR / R(EQUIESCAT) I(N) P(ACE)".

Kaspar Ignaz Graf Künigl (7.3.1671-24.7.1747) Freiherr zu Ehrenburg und Warth war der Sohn von Johann Sebastian Georg Graf Künigl Freiherr zu Ehrenburg und von Warth (23.3.1628-18.8.1697), Tiroler Landeshauptmann, und Maria Anna Vitzthum von Eckstedt (1640-1697). Er wurde in Innsbruck ("OENIPONS") geboren. In der Inschrift haben wir die römische Tageszählung, somit ist "NONIS MARTII" der 7. März als Tag seiner Geburt, weil die Nonen eines Monats in den Monaten März, Mai, Juli und Oktober den 7. Tag, in den anderen Monaten aber den 5. Tag meinen. Als Geburtsjahr wird allgemein 1671 angegeben, hier steht abweichend 1672. Das Todesdatum ist stimmig. Früh schon hatte er sich für eine geistliche Laufbahn entschieden, und bereits mit 13 Jahren erhielt er die Tonsur. 1687 bekam er ein Kanonikat in Brixen. Am 5.4.1692 empfing er die Weihe zum Subdiakon, am 21.4. die zum Diakon und am 22.12.1696 die zum Priester, am 24.7.1703 erst die zum Bischof. 1701 wurde er Dekan am Domstift Brixen. Außerdem war er Propst von Innichen. Er amtierte 1702-1747 als Fürstbischof, 45 Jahre lang (Inschrift: "XLV ANNORU(M) REGIMINE"). Er hatte damit die längste bekannte Amtszeit aller Brixner Bischöfe. Seine Wahl zum Fürstbischof erfolgte am 8.6.1702, die Bestätigung erhielt er am 4.5.1703, und in seiner Amtszeit wurde der Brixner Dom neu gebaut (Inschrift: "HUIC BASILICAE AB ANTIQUATA AD / MODERNAM FORMAM"). Der Baubeginn war 1745, die Fertigstellung konnte er nicht mehr erleben. Er starb im Alter von 76 Jahren auf seinem Schloß Ehrenburg, dem Stammsitz der Familie. Den Dom stellte Fürstbischof Leopold Graf Spaur fertig; die Weihe erfolgte am 10.9.1758.

 

Die Inschrift erwähnt ferner, daß Bischof Künigl "S(ANCTI) CASSIANI M(ARTYRI) PRIMI HUIUS ECCLESIAE / EPISCOPI, CUIUS BRACHIUM EX FORO / CORNELII HUC TRANSFERENS AURO / ARGENTO GEM(M)ISQUE EXORNAVIT," also die Gebeine des Heiligen und Märtyrers Kassian hierhin überführen und mit Gold, Silber und Edelsteinen schmücken ließ. Der hl. Kassian lebte im 3./4. Jh. und war ein Schulmeister der Stadt Imola. Im Zuge der Diokletianischen Christenverfolgung kam er um 304 ums Leben, angeblich von seinen Schülern mit deren eisernen Griffeln erstochen. Daß er hier als der erste Bischof von Säben bzw. Brixen bezeichnet wird, ist ebensowenig belegt wie daß er Bischof von Brescia gewesen sein soll. Dennoch genießt er eine hohe Verehrung in Tirol als legendärer Gründer. Ab 845 ist Kassian als Patron der Bischofskirche von Säben bzw. Brixen belegt. Er ist sowohl ein Diözesanpatron des Bistums Bozen-Brixen (der andere ist der hl. Vigilius) als auch einer der Patrone des Doms selbst (das andere Patrozinium ist Mariae Aufnahme in den Himmel). In Imola befindet sich nach wie vor das Grab des hl. Kassian, das 2004 geöffnet und untersucht wurde, wobei man Spuren des gewaltsamen Todes am Schädel fand. Was also befindet sich in Brixen? Was holte der Fürstbischof aus FORUM CORNELII (antiker Name der Stadt Imola)? Kaspar Ignaz Graf Küniglhatte sich im Jahre 1703 aus Imola eine "reliquia insignis" (also wohl von besonderer Größe) erbeten, wofür der Sarkophag des Heiligen eigens geöffnet wurde. Das, augenscheinlich ein Unterarmknochen ("BRACHIUM"), ist die einzige gesicherte Reliquie des heiligen Kassian im Dom von Brixen. Sie wird in der St.-Kassians-Büste aufbewahrt, eine vom Augsburger Goldschmied Johann Martin Maurer geschaffene Silberbüste, die jedes Jahr bei der Kassiansprozession mitgetragen wird. Diese traditionelle Prozession hatte Fürstbischof Künigl 1734 eingeführt, und seitdem findet sie jährlich am zweiten Sonntag nach Ostern statt. Von dieser Reliquie wurde übrigens 2015 ein Partikel abgezweigt, um den neuen Volksaltar in der damals frisch restaurierten Kassianskirche in Regensburg mit einer eigenen Reliquie auszustatten. Gerichtsmediziner Eduard Egarter-Vigl entnahm dabei unter bischöflicher Aufsicht zwei Partikel, einen für Regensburg und einen zur Altersbestimmung.

Die Inschrift hebt ferner die ganzen Wohltaten dieses Fürstbischofs für sein Bistum hervor: "DEVOTISSIMUS CULTOR / CAPITULI SUI BENEFACTOR / BENEFICIORUM FUNDATOR / AEDIFICIORUM RESTAURATOR / PAUPERUM VERUS PATER". Er bemühte sich in der Tat außerordentlich um die Seelsorge in seinem Bistum, um die Schulen, ließ etliche Kirchen und Pfarrhäuser bauen, vollendete die Brixner Hofburg etc. Er nahm die Umsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient sehr ernst und nahm Reformen mit großem Elan in Angriff. Er visitierte mehrfach und regelmäßig sein Bistum. Die episkopale Seelsorge und der persönliche Kontakt zu seinen Gläubigen war für ihn selbstverständlich. Die Seelsorge wurde durch Schaffung neuer Stellen ausgeweitet. Für die Rekatholisierung und Volksmissionierung nahm er die Hilfe der Jesuiten in Anspruch. Seiner Geburtsstadt Innsbruck blieb er durch Stiftungen verbunden, so z. B. des barocken Hochaltars für den dortigen Dom.

 

In der Sockelzone ist dem in der Mitte nach unten ausgezogenen Epitaph das Wappen von Fürstbischof Kaspar Ignaz Graf Künigl zu Ehrenburg und Warth aufgelegt: Unter einem gespaltenen Schildhaupt geviert mit Herzschild, im Schildhaupt rechts in Rot einwärts ein golden nimbiertes, widersehendes, silbernes Gotteslamm, das mit dem linken Vorderbein ein silbernes Banner (Osterfahne) mit einem roten Hochkreuz schultert (geistliches Bistum Brixen), links in Silber ein roter Adler, auf der Brust ein goldener Bischofsstab balkenweise aufgelegt (Hochstift Brixen, Fürstentum), Feld 1 und 4: rot-silbern gespalten und zweimal geteilt (von Warth), Feld 2 und 3: in Rot ein dreimal schwalbenschwanzgezinnter silberner Mauerbalken (von Weinegg, Alt-Weinegg), Herzschild: eigentlich silbern-rot schräggeteilt, hier umgekehrt, die Teilungslinie zu einer in das linke Obereck aufsteigenden, eigentlich roten, hier silbernen Spitze ausgezogen (Familienwappen Künigl).

Neben dem beschriebenen Aufbau des fürstbischöflichen Wappens, das ebenfalls auf einem postum angefertigten Portraitgemälde aus der zweiten Hälfte des 19. Jh. im Diözesanmuseum Brixen und auf einem Gemälde im Brixner Priesterseminar verifiziert werden kann, gibt es noch eine alternative Anordnung, die in Klausen am fürstbischöflichen Zollhaus zu sehen ist: Geviert, Feld 1: geistliches Bistum Brixen, Feld 2 und 3: geviert mit Herzschild, Feld a und d: Warth, Feld b und c: Weinegg, Herzschild: Künigl, in Feld 3 gewendet, Feld 4: Hochstift Brixen, Fürstentum. Auch auf einem Ölgemälde dieses Bischofs aus dem Jahre 1722 im Diözesanmuseum Brixen ist es so mit einer prinzipiellen Vierung als Ordnungsprinzip angeordnet. Eine dritte Variante bildet der von der Witwe von Christoph Weigel 1731 in Nürnberg gedruckte Geschichts-, Geschlechts- und Wappen-Kalender ab: Geviert, Feld 1 und 4 gespalten, rechts: geistliches Bistum Brixen, links: Hochstift Brixen, Fürstentum, Feld 2 und 3: geviert mit Herzschild, Feld a und d: Warth, Feld b und c: Weinegg, Herzschild: Künigl. Dazu bildet der Kalender fünf Kleinode ab, Helm 1 (Mitte): eine Bischofsmütze, Helm 2 (innen rechts): Schirmbrett des Hochstifts Brixen, Fürstentum, Helm 3 (innen links): Flug der Grafen Künigl, Helm 4 (rechts außen): Büffelhörner der von Warth, Helm 5 (links außen): Brackenrumpf der von Weinegg.

Die Kartusche wird oben von einem Fürstenhut bekrönt. Auf dem kleinen Konsolgesims liegen ein Totenschädel und zwei gekreuzte Röhrenknochen als Memento mori, und dahinter sind der Krummstab und das Prozessionskreuz schräggekreuzt, bereits in das Inschriftenfeld hineinragend. Seitlich sitzen zwei geflügelte Putten auf den Voluten des Wappenhintergrundes, von den der optisch linke die Bischofsmütze hält. Beide legen die innere Hand über die weinenden Augen; der rechte stützt die Wange auf den anderen Arm, eine ergreifende Pose der Trauer.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@46.7157947,11.6577592,19.92z - https://www.google.de/maps/@46.7158616,11.6577456,63m/data=!3m1!1e3
Familie von Künigl auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Künigl_(Adelsgeschlecht)
Fürstbischof Kaspar Ignaz Graf Künigl auf Catholic Hierarchy:
https://www.catholic-hierarchy.org/bishop/bkunigl.html
Fürstbischof Kaspar Ignaz Graf Künigl auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kaspar_Ignaz_von_Künigl
Portraitgemälde des Fürstbischofs mit Wappen:
https://www.tirolerportraits.it/D_kaspar_ignaz_graf_kuenigl_zu_ehrenburg_s00064_784.asp - https://www.tirolerportraits.it/D_kaspar_ignaz_graf_kuenigl_zu_ehrenburg_s00005_1647.asp - https://www.tirolerportraits.it/D_kaspar_ignaz_graf_kuenigl_zu_ehrenburg_s00224_625.asp
Fürstbischof Kaspar Ignaz Graf Künigl im Biographischen Lexikon des Kaiserthums Oesterreich:
https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Künigl,_Kaspar_Ignaz_Graf
Wappen des Bischofs nach Weigel:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:COA_Kaspar_Ignaz_Graf_Künigl_Bischof_v_Brixen_1731.png
Der heilige Kassian auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kassian
Kassiansreliquie:
https://www.bz-bx.net/de/news/detail/reliquie-des-heiligen-kassian-fr-regensburg.html - https://www.tageszeitung.it/2015/08/22/gerichtsmediziner-im-dom/
Wappen Weinegg in der Fischnaler-Wappenkartei:
https://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=28787&sb=weinegg&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - https://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=28785&sb=weinegg&sw=&st=&so=&str=&tr=99
Vermehrtes Wappen Weinegg in der Fischnaler-Wappenkartei:
https://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=28793&sb=weinegg&sw=&st=&so=&str=&tr=99
Wappen Künigl in der Fischnaler-Wappenkartei:
https://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=7901&sb=warth&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - https://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=7902&sb=k%C3%BCnigl&sw=&st=&so=&str=&tr=99 - https://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=7904&sb=k%C3%BCnigl&sw=&st=&so=&str=&tr=99
Wappen des Fürstbischofs in der Fischnaler-Wappenkartei:
https://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=7903&sb=k%C3%BCnigl&sw=&st=&so=&str=&tr=99
Brixner Dom auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Brixner_Dom

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