Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2894
Grettstadt (Landkreis Schweinfurt)

Das Grettstadter Rathaus

Das in der Nähe der Pfarrkirche erbaute Rathaus von Grettstadt stammt aus dem Jahr 1590, ist unter Julius Echter von Mespelbrunn im Stil der Renaissance erbaut worden und zählt zu den schönsten fränkischen Fachwerk-Rathäusern. Es handelt sich um einen zweigeschossigen Satteldachbau mit Volutengiebeln an den nördlichen und südlichen Schmalseiten und einer überdachten Freitreppe mit steinerner Balustrade an der Westseite, die an einem kleinen Türmchen mit Spitzdach endet. Das Erdgeschoß und die beiden Giebelseiten sind in Stein ausgeführt, das Obergeschoß der Längsseiten aus Holz, deshalb werden hier auch die Giebelseitenkanten entsprechend ausladender.

Die eigentliche Ortsherrschaft in Grettstadt hatte das Hochstift Würzburg inne, mit der hohen und auch der niederen Gerichtsbarkeit. Dennoch war die Herrschaft im Ort geteilt, das Kloster Ebrach hatte in Grettstadt eigene Besitzungen, übte dort aber nur die niedere Gerichtsbarkeit aus. Deshalb ist am Rathaus auch ein Wappen des Würzburger Fürstbischofs angebracht, wenn auch wesentlich nach der Bauzeit des Rathauses datiert, nämlich auf 1724. Es befindet sich auf der nördlichen Giebelseite direkt über dem das Erdgeschoß und das erste Obergeschoß voneinander trennenden Gesims.

Dieses Wappen gehört zum Würzburger Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn (15.2.1673-18.8.1724, regierte 1719-1724). Sein Wappen ist zweimal gespalten und dreimal geteilt mit Herzschild, Feld 1: in Gold ein schwarzer Doppeladler, oben begleitet von einer goldenen Krone, kaiserlicher Doppeladler, Gnadenzeichen, Feld 2: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Herzogtum zu Franken, Feld 3: ein von einem Wappenmantel umgebener roter Schild mit silbernem Balken, Erzherzogtum Österreich, Gnadenzeichen, Feld 4: in Rot drei (2:1) silberne (hier falsch goldene) Schildchen, reichsständische Herrschaft Reichelsberg, Feld 6: in Blau ein silberner Balken, begleitet von 3 (2:1) silbernen (hier falsch goldenen) Rauten, Herrschaft Heppenheim, Feld 7: in Hermelin auf einem roten und mit goldenen Troddeln verzierten Kissen ein goldener Reichsapfel mit goldenem Kreuz, Erbtruchsessen-Amt in den österreichischen Landen ob und unter der Enns, Feld 9: in Schwarz 3 (2:1) goldene aufrechte Getreidegarben, von Buchheim, Feld 10: in Gold ein schwarzer Wolf, Grafen von Wolfsthal, Feld 11: "Rennfähnlein" = in Blau eine rot-silbern gevierte, schräggestellte und an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte Standarte mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg (hier farblich falsch), Feld 12: in Silber (hier falsch Gold) ein blauer Löwe, belegt mit zwei roten Balken, Truchseß von Pommersfelden, gekrönter Herzschild über den Plätzen 5 und 8: in Rot auf drei silbernen Spitzen ein schreitender, goldener, gekrönter Löwe, Stammwappen der Grafen von Schönborn. Über dem Wappenschild ist der Fürsten- bzw. Herzogshut zu sehen, seitlich davon ragen der Griff des gestürzten Schwertes rechts und die Krümme des Bischofsstabes links hervor. Die gegenwärtige, in einigen Feldern korrekturbedürftige Farbfassung erstreckt sich nur auf den Schild. Zwei Schönborn-Löwen dienen als Schildhalter. Ein Wappen dieses Fürstbischofs, der 1720 mit dem Bau der Würzburger Residenz begann, mit fast gleicher Zusammensetzung der Felder (Felder 6 und 8 sind gegeneinander ausgetauscht) ist an der Würzburger Kirche St. Peter angebracht.

Grettstadt hat sich 1972 mit der ehemals selbständigen Gemeinde Dürrfeld und 1978 mit Grettstadt, Obereuerheim und Untereuerheim zur neuen Einheitsgemeinde Grettstadt zusammengeschlossen. Das seit 1981 geführte Kommunalwappen zeigt in Silber über einer schwarzen Zinnenmauer, die mit einem goldenen Anker belegt ist, einen wachsenden roten Eber, der einen goldenen Schlüssel im Maul hält. Der Eber erinnert an die Herrschaft des Zisterzienserklosters Ebrach über einen Teil der Gemeinde. Der Schlüssel anstelle des Krummstabes weist auf Petrus, denn die Pfarrkirche in Grettstadt ist Petrus und Paulus geweiht. Vom der Würzburger Herrschaft sind die Farben Rot und Silber des Herzogtums in Franken übernommen worden. Dem neuen Gemeindeteil Untereuerheim wurde mit dem Anker Respekt gezollt, der an die dortige Fährverbindung über den Main erinnern soll. Und ebenso ist Obereuerheim durch die Zinnenmauer vertreten, welche Schloß Euerburg repräsentieren soll. Das Rathaus hat 1984 einen Erweiterungsbau bekommen, der sich harmonisch in die Gesamtanlage einfügt und einen kleinen Platz bildet.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.9846283,10.312122,20z - https://www.google.de/maps/@49.9846638,10.3120932,44m/data=!3m1!1e3
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Bistümer
Peter Kolb: Die Wappen der Würzburger Fürstbischöfe, hrsg. vom Bezirk Unterfranken, Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V. und Würzburger Diözesangeschichtsverein, Würzburg, 1974, 192 S.
Johann Philipp Franz von Schönborn in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Philipp_Franz_von_Schönborn
Alfred Wendehorst: Johann Philipp Franz Graf von Schönborn, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 546 -
https://www.deutsche-biographie.de/gnd118976788.html#ndbcontent - https://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016327/images/index.html?seite=560
Johann Philipp Franz von Schönborn im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Johann_Philipp_Franz_von_Schönborn
Liste der Baudenkmäler in Grettstadt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_Grettstadt#Grettstadt
Grettstadt beim Haus der bayerischen Geschichte:
https://www.hdbg.eu/gemeinden/index.php/detail?rschl=9678138
Rathaus von Grettstadt in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus_(Grettstadt)
Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Franken: Die Regierungsbezirke Oberfranken, Mittelfranken und Unterfranken, bearbeitet von Tilmann Breuer u. a., Deutscher Kunstverlag, München 1979, S. 324

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