Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2576
Bayreuth (Oberfranken)

Maximilianstraße 29

Dieses Haus in der Maximilianstraße 29 ist ein dreistöckiger Putzbau von fünf Fensterachsen Breite. Eine große, rustizierte Portalblende umrahmt eine unter dem ganzen Vorderhaus hindurchführende Hofeinfahrt. Sie ist asymmetrisch unter der zweiten und dritten Fensterachse von rechts positioniert. Im durch zwei kleine schräge seitliche Segmente angedeuteten Sprenggiebel ist eine große Wappenkartusche mit einem Allianzwappen angebracht, die eine Datierung auf das Jahr "ANNO 1670" trägt.  Die beiden seitlichen Fensterachsen entsprechen zwei über beide Obergeschosse gehenden Erkern von rechteckigem Querschnitt. Die Fassade ist in ihrem heutigen Aussehen das Ergebnis einer Überarbeitung im frühen 18. Jh. In dem Gebäude befindet sich heute ein Vodafone-Geschäft.

 

Der Wappenstein trägt ein Ehewappen. Heraldisch rechts ist das Wappen der Familie von Lilien zu sehen, geteilt, oben in Blau ein gekrönter schwarzer Adler mit roter Zunge, unten gespalten, rechts in Blau eine silberne Lilie, links in Blau ein grüner, spitzer Felsen oder schroffer Berg, dessen Gipfel in eine goldene Laubkrone ragt. Das hinsichtlich all seiner Farbregelverstöße aus heraldischer Sicht inakzeptable Wappen (drei blaue Felder stoßen aneinander, Feldergrenzen dadurch nicht mehr wahrnehmbar, schwarze Figur auf blauem Feld, grüne Figur auf blauem Feld, einzig akzeptabel ist das Feld mit der Lilie) wird beschrieben im Siebmacher Band: BayA2 Seite: 121 Tafel: 76. Der dortige Blason zeugt von noch größerer Hilflosigkeit angesichts dieses anläßlich der durch Kaiser Leopold zu Regensburg bewilligten Nobilitierung am 9.5.1664 erstellten Kanzleierzeugnisses: "Mit # Linie b. b. geteilt, oben ein einwärts (d. h. links) gekehrter einfacher gekrönter # Adler mit r. Zunge, unten "im hintern theil ein gr. schroffiger hoher spitziger Steinfelsen, ob welches spitz ein g. Königl. Cron zu sehen, im vorderen theil ein w. doppelte Lilien".

Dazu werden zwei Helme geführt, Helm 1 (rechts): auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein wachsender goldener Löwe mit doppeltem Schwanz und roter Zunge, Helm 2 (links): auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender silberner Pegasus, mit silberner und roter Mähne und Schweif und roter Zunge. Im Alten Siebmacher ist dieses Wappen in Teil V, 59 unter die "Österreichischen" einsortiert worden. Interessanterweise gibt der Alte Siebmacher daneben das eigentliche wunderschöne Stammwappen an, wie es vor dem gestalterischen Unfall 1664 geführt wurde: In Blau eine silberne Lilie, auf dem Helm mit blau-silbernen Decken ein wachsendes silbernes Flügelroß (Pegasus). Im Diplom des Jahres 1664 wird dieses Stammwappen nicht einmal erwähnt.

Das Wappen heraldisch links ist das der von Pühel, in Gold auf einem schwarzen Dreiberg (hier eher eine naturnahe Hügellandschaft) ein gezinntes silbernes Schloß mit zwei seitlichen Türmen, diese jeweils mit einer roten Tür und drei (2:1) roten Fenstern, und mit einem gezinnten Mittelbau, der belegt ist mit einem silbernen Schildchen, das drei (2:1) rote Lilien trägt, und mit einem mit beiden Füßen auf den Türmen stehenden, schwarzen Adler besetzt, welcher golden bewehrt und gekrönt ist. Dazu werden zwei Helme geführt, Helm 1 (rechts): auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein wachsender, abgewendeter goldener Löwe mit einem Banner in den Pranken, welches rot-silbern geteilt ist und mit einem goldenen Reitersporn belegt, Helm 2 (links): auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender goldener Löwe mit einem Banner in den Pranken, welches schwarz-golden geteilt ist und mit einem goldenen Reitersporn belegt. Die Schwänze der Löwen sind miteinander verschlungen, und über beiden Löwenköpfen befindet sich eine goldene Krone. Dieses ist die Form, wie sie seit 1653 geführt wird.

Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: BayA3 Seite: 24 Tafel: 16. Dort werden auch frühere Versionen beschrieben. Die Familie hieß ursprünglich Püheler. Die Version vom 19.5.1590 aus Anlaß der Erhebung in den Adelsstand durch Kaiser Rudolf II. sah folgendermaßen aus: In Gold auf einem schwarzen Dreiberg ein gezinntes silbernes Schloß mit zwei Türmen, je mit einer Tür und zwei Fenstern, dessen Mittelbau mit drei (2:1) roten Lilien belegt und mit einem rotgezungten schwarzen Adler besetzt ist. Auf dem gekrönten Helm mit rechts schwarz-goldenen und links rot-silbernen Decken werden zwei abgewendete, wachsende Löwen mit roten Zungen und Halsbändern geführt, die eine gemeinsame goldene Krone über sich tragen und jeder ein Banner in den Pranken halten, rechts rot-silbern geteilt, links golden-schwarz geteilt.

Danach gab es ab 1599 eine gebesserte Fassung. Jakob Pühler, Mustermeister zu Kanischa, bekam am 22.7.1599 von Kaiser Rudolf II. eine Wappenbesserung im rittermäßigen Adelsstand und das Prädikat "von Pühel". In den meisten Teilen entspricht diese Version bereits dem oben beschriebenen Wappen mit zwei Helmen, allerdings gibt es ein paar Unterschiede: Der heraldisch linke Löwe des Oberwappens wächst aus einer naturfarbenen Schildkröte hervor, beide Löwen tragen ein Halsband, und deren Ringe sind mit einem Kettenglied miteinander verbunden. Bei diesen mehr als seltsamen Elementen hat sich ebenfalls eine Kanzlei so richtig ausgetobt - manchmal bittet man einfach besser nicht um eine Wappenbesserung, denn es könnte schlimmer kommen. Hier kam es in der Tat schlimmer. Für diese abweichend angegebenen Merkmale fehlt am Wappenstein die Evidenz, vielmehr sind die zweite Krone und das Fehlen der Halsbänder, der Kette und der Schildkröte unzweifelhaft. Hier ist nämlich das Ergebnis einer weiteren Nachbesserung des Wappens von 1653 zu sehen, als man allzu abgefahrene Elemente wieder entfernte, z. B. stillschweigend die Schildkröte durch eine Krone ersetzte. Diese echte Verbesserung erteilte Kaiser Ferdinand III. am 20.10.1653 dem Johann Christoph Püchler von Pühel aus Anlaß einer Adelsbestätigung. Er bekam auch für sich und seinen ältesten Sohn Johann Leonhard das Palatinat. Die spätere Variante des Wappens unterscheidet sich also von der Fassung von 1590 nur hinsichtlich der Anzahl der Fenster in den Türmen, der Unterlegung der Lilien mit einem Schildchen, der goldenen Krone und Bewehrung des Adlers sowie der Anzahl der Helme bei ansonsten ähnlichem Repertoire im Oberwappen, und als letzter kleiner Unterschied verbleibt noch der Reitersporn auf den Bannern. Im Alten Siebmacher wird das Wappen unter den "Oberpfälzischen" im Teil III, Tafel 137 aufgeführt.

Die am Haus angebrachte Wappenkombination gehört zu Caspar von Lilien (30.10.1632-23.1.1687) und seiner Frau Eva Catharina von Pühel. Caspar Lilien stammte aus Berlin und war der Sohn von Georg Lilien (14.4.1597- 27.7.1666). Der Vater war bereits lutherischer Theologe und ein Kirchenliederdichter; 1632 wurde er Diakon, 1655 Propst an St. Nicolai in Berlin. 1657 wurde er kurfürstlich-brandenburgischer Konsistorialrat und Propst von Berlin. Caspar Lilien hatte noch einen jüngeren Bruder, Georg II. (17.10.1652- 22.6.1726), der in Berlin blieb, eine militärische Karriere einschlug, 1718 Gouverneur von Geldern und 1720 Generalleutnant wurde.

Caspar Lilien studierte in Königsberg und wurde lutherischer Theologe. Er trat in die Dienste von Markgraf Christian Ernst von Bayreuth, wurde dessen Hofmeister und nach dessen Regierungsantritt im Jahre 1655 Oberhofprediger, Generalsuperintendent und 1675 Konsistorialpräsident in Bayreuth. 1668 publizierte er das Werk "Das Christ-glaubige Mohren-Land". Schließlich legte er seine geistlichen Ämter nieder und widmete sich ganz seiner Tätigkeit als Staatsmann, war seit 1678 wirklicher Geheimer Rat. Er war mehrfach als markgräflicher Gesandter tätig. Im Jahre 1664 wurde er anläßlich seiner diplomatischen Reise zum Reichstag in Regensburg als Caspar von Lilien geadelt, sogar taxfrei. Um der Abstammung aus "altem Adel" gerecht zu werden, wurden in der offiziellen Genealogie entsprechende "Korrekturen" vorgenommen, so wurde ihm der Türkenkrieger Andreas Lilius als Vorfahr untergeschoben, der unter Kaiser Maximilian II. kämpfte. Und auch mit der westfälischen adeligen Familie von Lilien hat "unsere" Familie nichts zu tun. Caspar von Lilien war Herr auf Waizendorf bei Bamberg. Caspar von Lilien ist in Bayreuth verstorben.

Es gibt zwei Portraits von ihm in der Portraitsammlung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Auf dem 1668 von Jacob von Sandrart gestochenen Portrait ist auch sein Wappen dargestellt, wie hier angegeben, die beiden Kleinode aber in die obere Ecke des Blattes verschoben. Das Wappen auf der anderen Seite ist nicht das hier am Haus gezeigte der von Pühel, sondern das mütterliche Wappen Lehmann, nach Siebmacher Band: Pr Seite: 232 Tafel: 282 blau-silbern geteilt, oben ein wachsender goldener Löwe, unten zwei rote Schrägbalken. Der ebenfalls weit nach oben verschobene Helm zeigt zu rechts blau-goldenen und links rot-silbernen Decken einen wachsenden goldenen Löwen. Peter Lehmann bekam 1556 ein Reichsadelsdiplom; Christian Theodor Lehmann erhielt 1703 eine Bestätigung. Georg I. Lilien, der Vater des Caspar, hatte in erster Ehe am 24.8.1621 Anna Maria Kalbsleber (-1626) geheiratet, die Tochter von Caspar Kalbsleber, Amtshauptmann von Rüdersdorf. Sie hatten zwei Söhne und eine Tochter. In zweiter Ehe heiratete Georg I. Lilien am 23.4.1627 Emerentia oder Emerentiene Lehmann (2.2.1610-21.4.1687), die Tochter von Martin Lehmann (-1624), Pfarrer von Herzfelde, und Gertraud Gericke. Aus dieser Ehe entsprossen neun Söhne und vier Töchter, darunter Caspar und Georg II.

Caspars Ehefrau Eva Catharina von Pühel (1642-) war die Tochter seines Amtsvorgängers als Konsistorialpräsident, nämlich von Dr. iur. Johann Christoph von Pühel (1606-1674) auf Dölau, der 1641 Veronica Maria von Benckendorff (-1667) geheiratet hatte. Eva Catharinas Vater war Brandenburg-Kulmbachischer Geheimrat, Kriegskanzleidirektor, Konsistorialpräsident und Lehenspropst in Bayreuth, außerdem Gesandter beim Reichstag in Regensburg. Insgesamt hatten ihre Eltern 14 Kinder, wovon aber nur vier Töchter und zwei Söhne überlebten, darunter Eva Catherina. Caspar und Eva Catherina heirateten am 27.4.1663. Sie hatten acht Kinder, davon 4 Söhne. Nur zwei der Söhne überlebten den Vater: Christian Ernst von Lilien (7.5.1666-) schlug eine militärische Laufbahn ein wie sein Onkel und fiel in Italien. Der andere Sohn war Heinrich Ascanius von Lilien. Die Familie von Pühel erlosch anscheinend im Mannesstamm mit Eva Catherinas Großneffen, Ferdinand von Pühel, der am 24.1.1735 als Fähnrich starb.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.9439099,11.5749314,20z - https://www.google.de/maps/@49.9439857,11.5750847,49m/data=!3m1!1e3
Liste der Baudenkmäler in Bayreuth: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_Bayreuth
Katalog der graphischen Porträts in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 1500-1850. Reihe A: Die Porträtsammlung, bearb. von Peter Mortzfeld, Bd. 1-50, München-London-New York-Oxford-Paris, 1986-2008
Personendaten zu Caspar von Lilien:
http://portraits.hab.de/person/6832/
Bilder von Caspar von Lilien in der Portraitsammlung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel:
http://portraits.hab.de/werk/12410/ und http://portraits.hab.de/werk/14434/
Personendaten zu Caspar von Lilien:
https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&cqlMode=true&query=nid%3D128651431
Personendaten zu Georg I. Lilien:
http://portraits.hab.de/person/7072/
Personendaten zu Georg II. Lilien:
http://portraits.hab.de/person/6775/
Georg I. Lilien auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Lilien
Georg II. von Lilien auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_von_Lilien
Jakob Franck: Georg Lilien, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 18, Duncker & Humblot, Leipzig 1883, S. 644 f.
https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Lilien,_Georg

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