Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 68
Würzburg (Unterfranken)

Das Bürgerspital zum Heiligen Geist

Das Bürgerspital wurde 1316 von dem Würzburger Patrizier Johannes von Steren (ca. 1270-1329) und seiner Frau Mergardis gegründet, indem er am bis heute traditionellen Standort in der Semmelstraße (damals außerhalb der Stadtmauern vor dem Hauger Tor) eine Immobilie zur Aufnahme hilfs- und pflegebedürftiger Menschen bestimmte. Sein Wappen ist der schreitende Widder. Es hat sich kein Stifterbrief erhalten, aber Fürstbischof Gottfried von Hohenlohe bestätigte am 23.6.1319 in einem Schiedsbrief die teilweise Exemtion des "Neuen Spitals". Die Verwaltung erfolgte durch drei bürgerliche Pfleger. Am 1.10.1320 wurde die Gründung des Bürgerspitals von Papst Johannes XXII. bestätigt. Da das in Avignon geschah, traf das Dokument erst am 2.1.1321 in Würzburg ein, und danach konnte der Stifter die wirtschaftliche Ausstattung des neuen Stifts organisieren. Johann von Steren starb 1329; sein Grabstein war ebenfalls mit dem Widderwappen versehen. Er existiert seit dem 16.3.1945 jedoch nicht mehr. In der Bürgerspitalkirche befindet sich ein Grabdenkmal für ihn und seine Frau, ebenfalls mit dem Widder-Wappen, Helmzier zwei nach außen gebogene Widderhörner. Mehrere Bürger folgten seinem Beispiel in den nächsten Jahren und stifteten für das neue Spital, wobei 1340 die größte dieser Zustiftungen durch die Brüder Rüdiger und Wölflin Teufel erfolgte. Im Grunde war von Sterens Stiftung die Initialzündung zu einer umfassenden Sozialstiftung, die von der Bürgerschaft getragen wurde. Bereits bestehende Institutionen wie der Wöllrieder Hof, das älteste "Siechenhaus" der Stadt, wurden dem Bürgerspital übertragen, und das neue Spital übernahm das Pfründnerwesen, wobei man sich in eine Altersversorgung einkaufen konnte. 1358 wurde der Ulmer Hof zugekauft, dort war lange die Kelterei des Bürgerspitals untergebracht.

Die gotische Kirche des Bürgerspitals wurde 1371 geweiht. 1407 erwarb das Spital seine ersten Rebflächen am Würzburger Steinberg. Das Spital war durch die zahlreichen Stiftungen gut aufgestellt und erwirtschaftete seine Einnahmen durch Grundbesitz (im Jahr 1583 waren das u. a. 58 ha Ackerland und 10 ha Weinberge), Zehnt, Renten und Zinsen. In Laub war das Spital sogar bis 1836 Grundherr. Dazu kamen mehrere Lehenhöfe in Unterpleichfeld, Ingolstadt und Erlach. Im Jahre 1716-1718 wurden die bestehenden Gebäude um den Roten Bau erweitert. Dieser Erweiterungsbau mit Arkaden ist besonders auffällig durch seine wechselnden Mauerschichten aus rotem und honiggelbem Sandstein. Die Pläne dazu fertigte Joseph Greissing an, und an der Ausführung war Maurermeister Jacob Bauer beteiligt.

 

Außen am Gebäude sind insgesamt drei Wappensteine angebracht. Der erste ist bezeichnet mit "IOANN ADAM SIMON F(IERI) F(ECIT); sein Wappen ist erniedrigt geteilt, oben die Dreiviertelfigur eines bärtigen, schwarz mit roten Aufschlägen und Knöpfen gekleideten Mannes (in der gegenwärtigen Farbfassung), der eine silberne Zimmermannssäge schultert, die Linke ist eingestemmt, unten damasziert (ohne Literaturbeleg, Tinkturen ohne Beleg). Vermutlich handelt es sich bei diesem bürgerlichen Wappen des Johann Adam Simon um einen Hinweis auf den Beruf des Inhabers.

Das zweite Wappen ist auf einem Portalsturz angebracht und zeigt das Stiftswappen, die Taube des Heiligen Geistes, silbern auf rotem Grund, golden nimbiert, vom Nimbus radial mehrere goldene Strahlen ausgehend, und unten von einer Weintraube an einem Rebenstück mit Blatt begleitet. In diesem Wappen ist die Dualität der Stiftung enthalten, das caritative Engagement als Spital und zugleich einer der wichtigsten Weinbaubetriebe der Stadt, der nach wie vor seine Kelterei mitten in der Stadt betreibt und den größten Holzfaßkeller in Deutschland sein eigen nennt.

 

Der dritte Wappenstein trägt die Inschrift "ANNO CHRISTI 1582 IST DIESER BAW / VON DER VERLAS(S)ENSCHAFT PAVLVSEN / VON WVRMS DES RATHS VND PFLEGERS / DI(E)S(ES) SPITALS SELIGEN DVRCH SEINE TESTA/MENTARIER AVFGEBAVET WORDEN". Im zentralen Bogenfeld ist das Wappen der Stadt Würzburg angebracht, eine der seltenen Darstellungen als Vollwappen: In Schwarz eine schräggestellte und an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte rot-golden gevierte Standarte mit silbernem Schaft, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken auf einem Turnierhut zwei Standarten wie im Schild schräg nach auswärts wehend. Über dem Stadtwappen ist die silberne Taube des Heiligen Geistes angebracht. In den beiden Bogenzwickeln sind zwei weitere Schilde angebracht, der heraldisch rechts mit dem schreitenden Widder verweist auf den Gründer, Johannes von Steren. Der andere Schild zeigt in Schwarz (Feld ist korrekterweise blau) zwei goldene, schräggekreuzte und miteinander verschränkte Faßleitern, begleitet oben von einem goldenen sechszackigen Stern und unten von einer goldenen Rose (der Erblasser Paul von Worms). Unten trägt der Stein zwischen den beiden Konsolen ein Steinmetzzeichen im Renaissance-Stil zwischen den Initialen WB. Oben wird der Stein durch ein Eierstabgesims abgeschlossen; im bekrönenden Aufsatz trägt das Beschlagwerk in der Mitte eine Löwenmaske.

Im 19. Jh. wurde der Grundbesitz des Bürgerspitals durch Zukäufe erweitert: Nun befinden sich der Straußhof mit 48 ha, die Schlüpferleinsmühle mit 100 ha und der Rothof mit 60 ha im Portfolio. Insgesamt sind bis 1898 der Liegenschaftsbesitz auf über 316 ha und das Weingut auf 35 ha angewachsen. 1933 hatte das Weingut bereits 75 ha. Heute gehört das Bürgerspital zu den ältesten und mit 110 ha Anbaufläche größten deutschen Weingütern; und der Einrichtung gehört auch eine Weinstube mit Restaurant.

Der Wiederaufbau des am 16.3.1945 bis auf die Grundmauern zerstörten Bürgerspitals war 1957 abgeschlossen. Das einzige erhaltene Gebäude aus der Gründungsphase ist die gotische Kirche, die nicht so hart getroffen war wie das Spitalgebäude. Auch vom Roten Bau mit seinem anmutigen südländischen Flair waren nur Kellergewölbe und Außenmauern übrig geblieben.

Seit dem 20. Jh. gehören der Stiftung Bürgerspital auch andere, außerhalb gelegene Seniorenheime, so das Seniorenwohnstift Sanderau (1975-2018), das Seniorenheim Zehnthof in Heidingsfeld (1993), das Seniorenheim Hueberspflege (1996, Neubau 2019), das Seniorenheim Ehehaltenhaus St. Nikolaus (1997), das Seniorenheim St. Maria (1997, Tagespflege 2010), das Seniorenwohnstift Frauenland (1997), das Robert Krick-Wohnstift in der Sanderau (2001) und das Seniorenwohnstift von Steren am Hubland (2018). Zum Engagement traten neu hinzu eine geriatrische Rehabilitationseinrichtung (1994) und eine stationäre geriatrische Rehabilitationsklinik (2005), die das Seniorenwohnheim in der Semmelstraße ersetzt.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.7959905,9.9353171,19z - https://www.google.de/maps/@49.7959608,9.9354262,112m/data=!3m1!1e3
Webseite des Bürgerspitals, Geschichte:
https://www.buergerspital.de/stiftung/geschichte/index.html
Bürgerspital auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bürgerspital_zum_Heiligen_Geist
Bürgerspital im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Bürgerspital_zum_Heiligen_Geist
Liste der Spitalmeister:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Liste_der_Spitalmeister_des_Bürgerspitals
Stiftung Bürgerspital:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Stiftung_Bürgerspital_zum_Hl._Geist
Peter Kolb: Das Spital- und Gesundheitswesen, in: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Bauernkriegs, 2001, ISBN 3-8062-1465-4; Bd. 2: Vom Bauernkrieg 1525 bis zum Übergang an das Königreich Bayern 1814, 2004, ISBN 3-8062-1477-8; Bd. 3, Teile 1 und 2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert, 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, Verlag Theiss, Stuttgart, insbesondere Bd. 1, S. 386-409 und 647-653.
Johannes Mack: Der Baumeister und Architekt Joseph Greissing, mainfränkischer Barock vor Balthasar Neumann, hrsg. von der Gesellschaft für fränkische Geschichte, VIII. Reihe: Quellen und Darstellungen zur fränkischen Kunstgeschichte, c/o Verlag Ph. C. W. Schmidt, 1. Auflage 2009, 797 S., ISBN-10: 3866528167, ISBN-13: 978-3866528161, S. S. 33, 34, 38, 52, 141, 188, 481, 514, 515, 648, 658
Peter Kolb: Wappen in Würzburg, Mainfränkische Studien 90, Spurbuchverlag, 1. Auflage 2019, 170 S., ISBN-10: 388778572X, ISBN-13: 978-3887785727

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